Führt die derzeitige Kältewelle zu einem Strom-Blackout in der Schweiz? Aufgrund eines Artikels der «NZZ am Sonntag» vom 5. Februar 2012 wird diese Frage in den Medien intensiv diskutiert. Hier finden Sie Antworten auf wichtige Fragen zum Übertragungsnetz.
Im Moment besteht kein erhöhtes Risiko. Tatsächlich können sich aber Probleme ergeben, wenn in Mitteleuropa eine langfristige Kälteperiode herrscht. Swissgrid ist für einen solchen Fall jedoch vorbereitet und hat gemeinsam mit den benachbarten Übertragungsnetzeigentümern Massnahmen für den Ernstfall vereinbart, wie etwa grossräumige Produktionsverschiebungen zwischen den betroffenen Ländern.
Je kälter es wird, desto mehr wird geheizt. In Ländern wie Frankreich, Italien, Spanien oder den Skandinavischen Ländern sind Elektroheizungen weit verbreitet – dies im Gegensatz zur Schweiz. Das bedeutet, dass in diesen Ländern viel mehr Strom verbraucht wird, wenn es kalt wird. Dementsprechend steigt die Belastung der Stromnetze in ganz Europa. Die Schweiz ist als Stromdrehscheibe im Herzen Europas davon ebenfalls betroffen.
Das Schweizer Übertragungsnetz muss in den kommenden Jahren ausgebaut und modernisiert werden, damit die Versorgungssicherheit langfristig gewährleistet werden kann. Die Netze sind zunehmend überlastet; dies vor allem aufgrund des steigenden Stromkonsums, der Zunahme der internationalen Marktflüsse und der steigenden Stromproduktion aus volatilen, nur teilweise planbaren Energien wie Wind und Sonne. Auch die Umsetzung der neuen Schweizer Energiestrategie fordert einen schnellen Netzausbau.
Bis Ende 2012 wird Swissgrid das Netz von den heutigen Eigentümern (Energieversorgungsunternehmen) übernehmen. Damit übernimmt Swissgrid auch die Verantwortung für die Netzerneuerung und den Netzausbau.
Die Bewilligungsverfahren für den Leitungsbau dauern durchschnittlich 9-12 Jahre. Entsprechende Projekte scheitern oft am Widerstand der unmittelbar Betroffenen. Zudem dauern die Verfahren so lange, weil in verschiedenen Phasen eines Aus- oder Neubauprojekts immer wieder Einsprachen möglich sind. Deshalb ist das Übertragungsnetz in den letzten 20 Jahren praktisch nicht ausgebaut worden. Demgegenüber hat der Stromverbrauch um über 25 Prozent zugenommen.
Swissgrid rechnet für die Erneuerung und den Ausbau des Übertragungsnetzes schweizweit mit einem Investitionsvolumen von 4 bis 6 Mia. Franken in den nächsten 20 Jahren. Mit diesen Investitionen wird sichergestellt, dass das Schweizer Übertragungsnetz auch in Zukunft den Anforderungen gewachsen ist.
Letztlich die Stromkonsumenten. Für Privatkonsumenten werden die Kosten für den Netzausbau allerdings wenige Franken pro Jahr ausmachen.
Die Energiestrategie der Schweiz hat direkte Auswirkungen auf das Übertragungsnetz. So müssen unter anderem die Art und der Ort der Energieproduktion sowie die Höhe des Energieverbrauchs bei der Planung des Netzes berücksichtigt werden. Damit beispielsweise Strom aus erneuerbaren Energien in den Pumpspeicherkraftwerken in den Alpen gespeichert werden kann, müssen diese Kraftwerke ans Übertragungsnetz angeschlossen werden.
Heute dauern die Verfahren für den Bau eines Leitungsprojekts meist über 10 Jahre. Der dringliche Netzausbau wird dadurch verzögert. In den nächsten Jahren müssen über 50 Ausbauprojekte realisiert werden. Das heisst: 1000 km bestehende Leitungen müssen umgebaut, 300 km neu gebaut werden. Nur so kann die Versorgungssicherheit langfristig gewährleistet werden. Die Beschleunigung der Bewilligungsverfahren ist deshalb notwendig.
Es gibt mehrere Mittel, um die Verfahren zu beschleunigen:
- Verzicht auf Rechtsmittelinstanz: Der Plangenehmigungsentscheid soll nicht mehr beim Bundesverwaltungsgericht angefochten werden können, sondern direkt ans Bundesgericht weitergezogen werden.
- Einhaltung von Fristen: Es sollen Maximalfristen für das Sachplanverfahren und das Plangenehmigungsverfahren eingeführt werden, die 1 respektive 2 Jahre nicht überschreiten.
- Einführung Behördenpräklusion: Die behördlichen Fristen werden mit einer Ergänzung versehen, die besagt, dass beim Ausbleiben einer Stellungnahme innert einer festgelegten Frist eine bestimmte Rechtswirkung eintritt.
- Verbesserung der Rechtswirkungen von Entscheiden: Verwaltungsstellen sollen an Departementsentscheide gebunden werden. Zudem sollen im Rahmen der Revision des Raumplanungsgesetzes verschiedene Massnahmen für die Verfahrensbeschleunigung realisiert werden.
Im Weiteren gibt es organisatorische Massnahmen, welche die Verfahren beschleunigen können. Dazu gehören: Mehr Personal für die Bearbeitung der Verfahren, ein klar definierter und standardisierter Verfahrensablauf und die Optimierung der Zusammenarbeit zwischen den Verfahrensbeteiligten.
Versorgungssicherheit ist dann gegeben, wenn die Nachfrage nach Strom jederzeit gedeckt werden kann. Das setzt voraus, dass die Stromproduktion und der -verbrauch jederzeit übereinstimmen. Swissgrid sorgt in enger Zusammenarbeit mit Verteilnetz- und Kraftwerksbetreibern für diesen kontinuierlichen Ausgleich.
Die TSC ist eine Kooperation von einem Duzend europäischen Übertragungsnetzbetreibern. Swissgrid engagiert sich hier, um zusammen mit den Partnern die Energieversorgung von 170 Millionen Europäern sicherzustellen und die Sicherheit in den Höchstspannungsnetzen in Zentraleuropa weiter zu erhöhen.
Die Initiative umfasst ein ständiges Sicherheitsgremium, sie nutzt ein Echtzeit-Informationssystem und verwendet eine gemeinsame IT-Plattform. Auf dieser werden Daten und Sicherheitsberechnungen allen Teilnehmern gleichberechtigt zur Verfügung gestellt.
TSC ermöglicht den Netzbetreibern, ihre Arbeit besser gegenseitig abzustimmen. Das hilft vor allem bei der Integration der erneuerbaren Energien und bei der Koordination des verstärkten länderübergreifenden Stromhandels und –transports.
Swissgrid hat die Situation nach der Abschaltung der acht deutschen Kernkraftwerke analysiert. Allfällige Probleme könnten sich ergeben, wenn in Mitteleuropa über die Wintermonate eine langfristige Kälteperiode herrscht. Swissgrid ist für einen solchen Fall jedoch vorbereitet und hat gemeinsam mit den benachbarten Übertragungsnetzbetreibern Massnahmen für den Ernstfall vereinbart, wie etwa grossräumige Produktionsverschiebungen zwischen den betroffenen Ländern.
