Balancing Roadmap

Schweizer Regelenergiemarkt

Als Schweizer Übertragungsnetzbetreiberin (ÜNB) ist Swissgrid unter anderem dafür verantwortlich, Frequenzregelungsprodukte zu beschaffen, um das Gleichgewicht zwischen Stromproduktion und -verbrauch sicherzustellen. Die Energiesysteme und Balancing-Märkte haben sich in der Schweiz und in Europa rasch verändert und weiterentwickelt. Aufgrund des starken Wachstums der Stromproduktion von Photovoltaik (PV), des steigenden Flexibilitätspotenzials durch neue Technologien, der regulatorischen Entwicklungen sowie der Fortschritte in der Digitalisierung ergeben sich für Swissgrid zusätzliche Herausforderungen und Chancen bei der Sicherstellung der Netzstabilität.

In der Balancing Roadmap präsentiert Swissgrid die bis 2030 geplanten Weiterentwicklungen für die verschiedenen Balancing-Märkte sowie für andere Faktoren, die die Frequenzregelung beeinflussen. Aufgrund des verzögerten Stromabkommens mit der EU und des weiterhin bestehenden Ausschlusses von Swissgrid von den europäischen Regelenergieplattformen konzentriert sich Swissgrid auf die Ausgestaltung der Schweizer Balancing-Märkte, während bestehende internationale Kooperationen weitergeführt werden.

Wie funktionieren die Balancing-Märkte?

In einem Übertragungsnetz müssen die Produktion und der Verbrauch von Strom immer gleich hoch sein, um das System im Gleichgewicht zu halten. In der Schweiz ist Swissgrid dafür verantwortlich, dieses Gleichgewicht sicherzustellen und damit einen sicheren und stabilen Netzbetrieb mit einer konstanten Frequenz von 50 Hertz (Hz) zu gewährleisten. Weicht die Frequenz zu weit von 50 Hz ab, kann dies elektrische Anlagen und Geräte beschädigen oder im Extremfall zu automatischen Abschaltungen von Kraftwerken und Verbrauchern bis hin zu grossflächigen Stromausfällen führen.

Bei Schwankungen im Stromnetz setzt Swissgrid Regelenergie ein und beauftragt Kraftwerke, Speicher- oder Verbrauchsanlagen, ihre Produktion oder ihren Verbrauch zu erhöhen oder zu senken. Swissgrid besitzt jedoch keine eigenen solche Anlagen und muss daher Systemdienstleistungen bzw. Frequenzregelungsprodukte beschaffen, um das Netz zu betreiben. Das geschieht über ihre Balancing-Märkte, wo die teilnehmenden Akteure die Flexibilität ihrer Ressourcen zur Verfügung stellen. So kann Swissgrid bei Bedarf die Stromproduktion oder den Verbrauch erhöhen oder senken.

Nennfrequenz 50 Hertz
1/3
Frequenz zu tief
2/3
Frequenz zu hoch
3/3

Zu den flexiblen Anlagen gehören Wasserkraftwerke, Batterien, PV-Anlagen, Industrieanlagen, Grossverbraucher, Wärmepumpen und andere steuerbare Anlagen oder Geräte. Die teilnehmenden Akteure an den Balancing-Märkten erhalten dafür eine finanzielle Vergütung: einerseits für die Vorhaltung ihrer Flexibilität, andererseits für den tatsächlichen Einsatz in Echtzeit, wenn Ungleichgewichte im Stromnetz ausgeglichen werden müssen. So können die Teilnehmenden zusätzliche Ertragsmöglichkeiten erzielen und gleichzeitig zur Netzstabilität beitragen.

Die Schweizer Energieversorger haben zwei weitere Mechanismen, um Stromungleichgewichte zu verringern. Einer betrifft die Strommärkte: Produzenten und Verbraucher passen ihre Handelspositionen vor der Lieferung an, je nach aktueller Prognose, zum Beispiel wegen Wetteränderungen. Über Day-Ahead- und Intraday-Märkte gleichen sie Produktion und Verbrauch ab, bis kurz vor Lieferbeginn die Märkte schliessen und alle Positionen feststehen. Swissgrid betreibt diese Märkte nicht, verbessert aber die Rahmenbedingungen für den grenzüberschreitenden Handel.

Der zweite Mechanismus betrifft die Abrechnung von Ausgleichsenergie. Oft weichen Stromproduktion und -verbrauch vom Plan ab. Diese Unausgeglichenheiten werden gemessen und mit den Bilanzgruppen abgerechnet. Seit 2026 werden Bilanzgruppen finanziell motiviert, durch aktive Massnahmen das Stromnetz auszugleichen: Bilanzgruppen, die das Netz stabilisieren, bekommen Geld. Bilanzgruppen, die das Netz destabilisieren, zahlen.

Frequenzregelungsprodukte

Zur Sicherstellung einer stabilen Netzfrequenz von 50 Hertz und zur Wiederherstellung dieser Frequenz nach z.B. abrupten Kraftwerksausfällen, beschafft Swissgrid eine Reihe von Frequenzregelungsprodukten mit unterschiedlichen Eigenschaften. In der Regelzone Schweiz werden drei Frequenzregelungsprodukte eingesetzt. Bei einem grösseren Kraftwerksausfall werden sie in einer zeitlichen Kaskade aktiviert:

Primärregelreserven

Primärregelreserven stehen innerhalb weniger Sekunden nach einem Ereignis, wie zum Beispiel einem ungeplanten Ausfall eines Kraftwerks, zur Verfügung. Diese Reserve ist dezentral über ganz Kontinentaleuropa verteilt und stabilisiert die Frequenz. Die Kraftwerke sind so konfiguriert, dass sie automatisch und ohne Verzögerung auf Änderungen der Netzfrequenz reagieren, indem sie ihre Abgabeleistung erhöhen oder reduzieren.

Sekundärregelreserven

Sekundärregelreserven lösen innerhalb weniger Minuten in der Regelzone, in der das Ereignis stattgefunden hat, die Primärregelreserven ab. So stellen sie die Netzfrequenz von 50 Hertz wieder her. Die Kraftwerke liefern die Leistung automatisch, gesteuert durch ein automatisches Signal von Swissgrid.

Tertiärregelreserven

Dauert die Unausgeglichenheit länger als 10 Minuten, können Tertiärregelreserven manuell aktiviert und eingesetzt werden, um Sekundärregelreserven freizugeben.

Das Prinzip dieser aufeinanderfolgenden Kaskadenaktivierung stellt sicher, dass im Falle eines weiteren unerwarteten Ereignisses immer eine zusätzliche Reserve verfügbar bleibt.

Balancing-Märkte

Die Balancing-Märkte von Swissgrid sind in zwei verschiedene Kategorien unterteilt: den Regelleistungs- und den Regelenergiemarkt. Im Regelleistungsmarkt werden die teilnehmenden Akteure für die Vorhaltung von Flexibilität, also dem Bereithalten von Reserveleistung, entschädigt. So wird sichergestellt, dass immer genügend Leistungsreserven zur Verfügung stehen, um den Bedarf an Regelenergie zu decken und auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren zu können.

Für die Primärregelung gibt es ausschliesslich einen Regelleistungsmarkt, auf welchem Primärregelleistung (PRL) auktioniert wird. Werden PRL-Gebote im Kapazitätsmarkt zugeschlagen, werden sie automatisch entsprechend dem Netzbedarf aktiviert. Swissgrid beschafft ihre PRL im Rahmen der PRL-Kooperation zusammen mit anderen ÜNB auf einem gemeinsamen Markt.

Für die Sekundär- und Tertiärregelung gibt es sowohl Regelleistungs- als auch Regelenergiemärkte. Wird ein Gebot für Sekundärregelleistung (SRL) oder Tertiärregelleistung (TRL) im Regelleistungsmarkt ausgewählt, ist der Marktteilnehmer verpflichtet, auch ein entsprechendes Gebot auf dem Regelenergiemarkt für Sekundärregelenergie (SRE) bzw. Tertiärregelenergie (TRE) abzugeben. Es ist zudem möglich, Gebote auf dem Regelenergiemarkt abzugeben, ohne in den entsprechenden Regelleistungsausschreibungen den Zuschlag erhalten zu haben. Diese Gebote werden als «freie Gebote» bezeichnet. Die Aktivierung erfolgt anschliessend über die Gebote im entsprechenden Regelenergiemarkt.

* Häufig wird auch die internationale Bezeichnung «Frequency Containment Reserves» (FCR) verwendet, da dieses Produkt auf europäischer Ebene beschafft und aktiviert wird.
ProduktRegelleistungsmarktRegelenergiemarkt
PrimärregelungPrimärregelleistung (PRL) 
SekundärregelungSekundärregelleistung (SRL)Sekundärregelenergie (SRE)
TertiärregelungTertiärregelleistung (TRL)Tertiärregelenergie (TRE)
Balancing Maerkte

Treiber für die Weiterentwicklung der Balancing-Märkte

Das europäische und schweizerische Stromsystem wandelt sich grundlegend: Weg von zentralen Grosskraftwerken hin zu dezentralen erneuerbaren Anlagen sowie steigendem Strombedarf durch Dekarbonisierung, Digitalisierung und Elektrifizierung. Daher entwickelt Swissgrid ihre Produkte und Prozesse weiter, um neue Technologien einzubinden.
Vier Hauptfaktoren treiben diese Veränderung der Balancing-Märkte an:

  • Rasches Wachstum der PV-Stromproduktion
  • Steigendes Flexibilitätspotenzial durch neue Technologien
  • Regulatorische Entwicklungen
  • Fortschritte in der Digitalisierung

Weiterentwicklung der Balancing-Märkte

In Anbetracht dieser Veränderungen müssen die Balancing-Märkte kontinuierlich überprüft und weiterentwickelt werden. Die Balancing Roadmap präsentiert die bis 2030 geplanten Weiterentwicklungen für die verschiedenen Balancing-Märkte sowie für andere Faktoren, die die Frequenzregelung beeinflussen. In den kommenden Jahren wird Swissgrid den Schwerpunkt auf folgende Themen legen:

  • Erleichterung des Zugangs zu den Balancing-Märkten für neue Technologien und Marktteilnehmende und gleichzeitige Sicherstellung der diskriminierungsfreien Marktbedingungen.
  • Ermöglichung einer reibungslosen Integration in die europäischen Frequenzregelungsprozesse, sobald die regulatorischen Voraussetzungen gegeben sind.
  • Reduktion des Bedarfs an Regelenergie durch Stärkung der Day-Ahead- und Intraday-Märkte sowie Befähigung der Bilanzgruppen zur aktiven Unterstützung des Systemgleichgewichts.
  • Nutzung der Möglichkeiten von Digitalisierung und neuen Entscheidungsunterstützungssystemen.

Details zu diesen und weiteren Massnahmen der Balancing Roadmap sind ab Seite 18 zu finden.


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