Über Basketball und das kontinentaleuropäische Verbundnetz

Vom Teamplay profitieren alle

Autorin: Stephanie Bos


«Mit Talent gewinnt man Spiele, aber mit Teamwork und Intelligenz gewinnt man Meisterschaften.» Diese klugen Worte von Michael Jordan waren der Sportart gewidmet, durch die er weltberühmt wurde: Dem Basketball. Ein Basketballspieler wie Jordan kann gross, taktisch gewieft, flink und schnell sein – ohne Teamplay mit anderen guten Spielern reichen diese Attribute für den Sieg einer Meisterschaft nicht aus.

Basketball hat auf den ersten Blick wenig mit Swissgrid zu tun. Doch wenn es um das kontinentaleuropäische Stromsystem geht, gilt das Zitat von Jordan genauso wie im Sport. Dank gutem Teamwork mit den europäischen Partnern kann die Netzsicherheit in der Schweiz und den benachbarten Ländern gewährleistet werden. Diese langfristig sicherzustellen, ist sozusagen der sich stetig wiederholende Sieg der europäischen Meisterschaft. Wie auch bei Basketballspielern hat jedes Land seine Stärken und Schwächen. Doch alle haben das gleiche Ziel. Auch in diesem Jahr und insbesondere im kommenden Winter: Alle wollen gemeinsam die Meisterschaft gewinnen.

Dank gutem Teamwork mit den europäischen Partnern kann die Netzsicherheit in der Schweiz und den benachbarten Ländern gewährleistet werden.

Die Schweiz – eine Spielerin mit anderen Spielregeln

Auch die Schweiz hat als Teil des kontinentaleuropäischen Verbundnetzes ihre Stärken und Schwächen. Die hiesige Wasserkraft macht rund 60 Prozent des Schweizer Strommix aus und kann im Team optimal eingesetzt werden. Im Sommer wird in der Schweiz mit Wasser so viel Strom erzeugt, dass er in die benachbarten Länder exportiert werden kann. Die Speicherseen in den Alpen agieren ausserdem als wichtige Energiespeicher für Europa. Doch die Wasserkraft schwankt in ihrer Produktion durch den jahreszeitlich unterschiedlichen Wasserstand. Die Schweiz ist in der kalten Jahreszeit auf Stromimporte aus dem Ausland angewiesen und kann hier von den Stärken anderer Länder profitieren.

Da gibt es nur ein Problem, welches das Teamplay im europäischen Verbundnetz erschwert. Die Schweiz kann aufgrund des fehlenden Stromabkommens nicht nach den gleichen Regeln wie die EU-Länder spielen. Das hat Konsequenzen. Mit 41 Grenzleitungen ist die Schweiz stark im kontinentaleuropäischen Verbundnetz integriert. Deshalb kann sie nicht etwa auf die Ersatzbank geschickt werden. Sie bleibt weiterhin im Spiel, wird aber zunehmend von wichtigen Gremien und Plattformen ausgeschlossen. Sprich, sie wird bei den strategischen Briefings und den daraus resultierenden Spielzügen aussenvorgelassen. Das hat einerseits negative Auswirkungen auf den Netzbetrieb. Und andererseits ergeben sich Nachteile für die schweizerischen Stromproduzenten und -händler. Damit die Schweiz aus den umliegenden Staaten im Winter Strom importieren kann, muss an den schweizerischen Grenzen genügend Kapazität für den Import vorhanden sein. Wegen des zunehmenden Ausschlusses und aufgrund des mangelnden Stromabkommens sind diese Importkapazitäten aber nicht garantiert und bis ins Jahr 2025 sogar rückläufig.

Die Schweiz kann aufgrund des fehlenden Stromabkommens nicht nach den gleichen Regeln wie die EU-Länder spielen. Das hat Konsequenzen.

Mit der sogenannten 70%-Regel hat die EU eine neue Spielregel eingeführt. Sie besagt, dass die EU-Mitgliedstaaten ab dem 1. Januar 2020 (mit einer Übergangsfrist bis Ende 2025) mindestens 70% der Kapazität ihrer Netzelemente für den Handel zwischen den EU-Mitgliedstaaten zur Verfügung stellen müssen. Oder, um der Basketball Allegorie treu zu bleiben: Der Ballwechsel muss zu 70% unter den EU-Spielern stattfinden. Sollten unsere Nachbarländer aber Schwierigkeiten haben, diese 70% zu erfüllen, besteht die Gefahr, dass sie die Grenzkapazitäten mit der Schweiz einseitig limitieren, um diese Regel für den Handel innerhalb der EU zu erfüllen. Damit werden die Importkapazitäten der Schweiz potenziell massiv beschnitten. Die Schweiz steht entsprechend isoliert auf dem Spielfeld.

Als guter Teamplayer ist diese Situation für die Schweiz nicht tragbar. Swissgrid ist deshalb bestrebt, die Schweiz wieder als aktive Spielerin einzubringen. Sie verhandelt privatrechtliche Verträge mit den EU-Übertragungsnetzbetreibern, damit die Schweiz in die koordinierten Prozesse mit den EU-Übertragungsnetzbetreibern inkludiert wird. Das verbessert die Netzsicherheit und die Importfähigkeit der Schweiz; ist aber nur von kurzer Dauer. Die Verträge unterliegen der Genehmigung aller beteiligten EU-Regulatoren und müssen jedes Jahr erneuert werden. Die Probleme, die sich für Swissgrid aufgrund des fehlenden Stromabkommens ergeben, sind damit nicht nachhaltig gelöst.

Es braucht eine gemeinsame, konstruktive und zukunftsfähigen Lösung mit der EU.

Allein spielen bringt weder einen Sieg noch ist es sinnvoll

Das Gute an einem Team ist, dass man sich gegenseitig unterstützen kann. Auch im kontinentaleuropäischen Verbundnetz unterstützt und hilft man sich gegenseitig. Fällt in der Schweiz beispielsweise ein Kraftwerk aus, fliesst «Hilfeleistung» in Form von automatisch aktivierter Regelenergie über die Grenzleitungen vom benachbarten Ausland in die Schweiz und hilft, die Netzfrequenz zu stabilisieren.

Würde die Schweiz allein und nicht im Team spielen, so müsste die gesamte Reserve für einen Kraftwerksausfall in der Schweiz auch in der Schweiz vorhanden sein. Ausfälle von 400 MW (Wasserkraftwerk Bieudron) bis 1000 MW (Kernkraftwerk Leibstadt) müssten jederzeit ausgeglichen werden können. Das sind je nach Jahreszeit 10 bis 20 Prozent der Leistung, die wegfallen würden. Die Frequenz würde in Folge frappant absinken und eine Netzstörung verursachen. Ein Teilblackout bis zu einem vollständigen Blackout wären die Folge. Das Spiel wäre definitiv verloren – die Chancen auf den Sieg der Meisterschaft zerstört.

Auch technisch ist ein Inselbetrieb der Schweiz nicht möglich. Die Phasenschiebertechnologie wäre grundsätzlich geeignet, den elektrischen Lastfluss zu steuern bzw. zu begrenzen. Um die Technologie nutzen zu können, müssten an allen Grenzleitungen Phasenschiebertransformatoren installiert werden. Das wäre sehr teuer und langwierig. Bis zu 1 Mrd. Schweizer Franken würde das neue Equipment kosten. Wegen Koordination-, Beschaffungs- und Installationsfristen würde es 15 bis 20 Jahre dauern, bis die Phasenschiebertransformatoren einsetzbar wären. Doch selbst mit dieser zusätzlichen Ausrüstung könnten die Stromflüsse nicht gänzlich geblockt werden. Ein enormer Aufwand also, der nicht zu mehr Netzstabilität führen würde.

Mit der als «Stern von Laufenburg» bekannten Schaltanlage ist das europäische Stromnetz geboren.

Bleiben wir am Ball und im Spiel

Seit 1958 ist die Schweiz Teil des kontinentaleuropäischen Verbundnetzes. Damals wurden die Stromnetze der Schweiz, Frankreichs und Deutschlands zum ersten Mal auf der Höchstspannungsebene zusammengeschlossen. Denn bereits in der Nachkriegszeit war den Beteiligten klar, dass sich die Netz- und Versorgungssicherheit dank des Zusammenspiels mit den anderen Ländern verbessert. Das hat sich in den letzten 64 Jahren nicht geändert. Die Einbindung in das europäische Stromsystem bleibt eine wichtige Voraussetzung um eine sichere, wirtschaftliche und umweltverträgliche Stromversorgung der Schweiz garantieren zu können. Deshalb ist es essenziell, dass die Schweiz in der Europapolitik am Ball bleibt. Um im Spiel zu bleiben und gleich lange Spiesse zu erlangen, braucht es eine gemeinsame, konstruktive und zukunftsfähigen Lösung mit der EU.


Autorin

Stephanie Bos
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Communication Manager

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