«Ein technisches Stromabkommen wäre eine Übergangslösung.»

Das Schweizer Übertragungsnetz kann nicht isoliert betrachtet werden, es ist fest in das europäische Verbundnetz integriert. Doch die eingespielte Zusammenarbeit ist gefährdet. Ein Gespräch mit Andrea Mäder, Head of Public Affairs, über die Herausforderungen von Swissgrid im Herzen Europas.

Autorin: Silvia Zuber


Woher kommt der Strom, den wir benötigen?
Der Strom, den wir in der Schweiz verbrauchen, wird mehrheitlich in einheimischen Kraftwerken produziert. Den anderen Teil importieren wir aus dem Ausland. Letzteres ist besonders in den Wintermonaten der Fall. In diesem Zeitraum werden bis zu 40% des Schweizer Strombedarfs mit Energie aus dem Ausland, vor allem aus Deutschland und Frankreich, gedeckt. Im Sommer ist es umgekehrt, dann wird häufig Strom exportiert. Damit die elektrische Energie zu den Verbrauchern gelangt, braucht es das Stromnetz. Swissgrid stellt mit dem Übertragungsnetz gewissermassen die Autobahn zur Verfügung. Über dieses Netz können grosse Mengen Strom über weite Strecken transportiert werden. Selbst produziert Swissgrid aber keinen Strom. Ohne Vernetzung läuft im Übertragungsnetz nichts.

Was bedeutet dies für Swissgrid?
Vernetzung ist für Swissgrid ein Erfolgsfaktor, für die Schweiz ist sie ein Garant für die Versorgungssicherheit. Innerhalb der Schweiz arbeiten wir eng mit den einheimischen Kraftwerks- und Verteilnetzbetreibern zusammen. Ausserhalb der Schweiz ist die Integration in das kontinentaleuropäische Verbundnetz unabdingbar. Unsere engen Beziehungen haben gewichtige Vorteile. Ohne diese Vernetzung funktionieren Import, Export und Transit von Strom nicht. Die Einbindung in Europa trägt ausserdem wesentlich zur Stabilität des Schweizer Stromnetzes bei. Vereinfacht gesagt: Je grösser der Verbund, umso stabiler ist das Gesamtsystem. Kraftwerksausfälle oder Schwankungen können in einer grossen Gemeinschaft leichter bewältigt werden.

Ist ein funktionierender europäischer Verbund eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Energiewende?
Ja, das gilt für ganz Europa inklusive der Schweiz. Wir sind auf die Partizipation im Gesamtsystem und bei dessen Weiterentwicklung angewiesen. Auf europäischer Ebene braucht es unter anderem eine Erleichterung des Stromhandels. Gibt es beispielsweise nicht genügend Windenergie aus Deutschland, muss der Handel mit überschüssiger Sonnenenergie aus Portugal effizient abgewickelt werden können. Die Harmonisierung innerhalb der EU hat darum auch zum Ziel, Stromflüsse innerhalb von Europa schnell und unkompliziert zu ermöglichen.

Vernetzung ist für Swissgrid ein Erfolgsfaktor, für die Schweiz ist sie ein Garant für die Versorgungssicherheit.

Andrea Mäder
Andrea Mäder, Head of Public Affairs, Swissgrid

Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit in Europa derzeit?
Für Swissgrid ist die Zusammenarbeit mit den europäischen Partnern unerlässlich für die Gewährleistung der Netzsicherheit. Für die Stabilität des Verbundnetzes ist es essenziell, dass sich alle an die gleichen Regeln halten. Auf technischer Ebene braucht es ein hohes Mass an Koordination; die Zusammenarbeit mit den europäischen Übertragungsnetzbetreibern ist seit Jahren sehr konstruktiv und lösungsorientiert. Den anderen Betreibern ist die Bedeutung der Schweiz für das kontinentaleuropäische Verbundnetz bewusst. In der letzten Zeit wird diese Zusammenarbeit aber von politischen Fragen beeinträchtigt. Die aktuelle politische Situation zwischen der Schweiz und der EU erschwert auf der für uns wichtigen technischen Ebene die gut eingespielte Zusammenarbeit.

Was bedeutet die abnehmende Kooperation für die Schweiz?
Wir stehen als Land zunehmend isoliert da. Der fortschreitende Ausschluss der Schweiz aus dem europäischen Strombinnenmarkt hat auch für die einheimischen Stromproduzenten Nachteile. Unsere Wasserkraftwerke sind sehr flexibel, wenn es beispielsweise um den Ausgleich von Schwankungen im Stromnetz durch Regelenergie geht. Der technologische Wettbewerbsvorteil kann aber aufgrund des Ausschlusses nicht genutzt werden, und den Produzenten entgehen Einnahmen.

Und für Swissgrid?
Ist Swissgrid von den europäischen Prozessen ausgeschlossen, steigt der Systemstress im Übertragungsnetz. Die Schweiz ist ohne Stromabkommen vom kurzfristigen europäischen Stromhandel ausgeschlossen. Die Transportkapazitäten für den Stromhandel werden in sogenannten Kapazitätsberechnungsregionen ermittelt und vergeben. Dabei werden die Schweizer Netzelemente ohne Abkommen nicht ausreichend berücksichtigt. Dies erhöht das Risiko von ungeplanten Stromflüssen. Diese ungeplanten Flüsse gefährden die Netzstabilität in unserem Land zunehmend. Swissgrid muss in solchen Fällen eingreifen und Strom für die Stabilisierung des Netzes einsetzen. Dieser fehlt dann für die Versorgung der Endkonsumentinnen und -konsumenten. Zudem sind die Massnahmen aufwändig und mit Kosten verbunden.

Was braucht es, um die Situation zu verbessern?
Momentan verfügt die Schweiz über eines der stabilsten Netze der Welt und eine angemessene Versorgungssicherheit. Doch nur den Status quo zu erhalten, reicht für die Zukunft nicht aus. Um die Versorgungssicherheit nachhaltig zu gewährleisten, braucht es verschiedene Komponenten: ein stabiles Netz, genügend in der Schweiz produzierte Energie und die Kooperation mit den europäischen Partnern. Ohne Letztere geht es nicht, ein Alleingang der Schweiz ist technisch kaum umsetzbar und volkswirtschaftlich auch nicht sinnvoll.

Nur den Status quo zu erhalten, reicht für die Zukunft nicht aus.

Andrea Mäder

Welche Handlungsoptionen hat Swissgrid?
Swissgrid engagiert sich auf europäischer Ebene, um die Systemsicherheit aus technischer Sicht aufrechtzuerhalten. Das heisst, wir schliessen Verträge mit europäischen Übertragungsnetzbetreibern ab. Diese Verträge lösen aber nicht alle Probleme, die sich aufgrund des fehlenden Stromabkommens ergeben. Unsere Vertragspartner unterliegen nationalen und europäischen Regulierungen. Sie brauchen für die Zusammenarbeit mit uns häufig Genehmigungen der entsprechenden Regulierungsbehörden. Für die Zukunft sind wir auf eine zwischenstaatliche Lösung angewiesen. Nur eine solche Lösung kann einen stabilen Rahmen für die Zusammenarbeit mit der EU und damit für eine hohe Versorgungssicherheit in der Schweiz schaffen. Ein Stromabkommen mit der EU bleibt für uns das ultimative Ziel. Als Übergangslösung könnten wir uns ein rein technisches, zwischenstaatliches Abkommen vorstellen.

Was sollte ein solches Abkommen beinhalten?
Ein solches Abkommen würde die Frage des Zugangs zum europäischen Strommarkt aussen vorlassen. Dafür würde sichergestellt, dass wir zum Beispiel in alle technischen Instrumente und Prozesse zur Gewährleistung der Netzsicherheit einbezogen werden. Die gesetzliche Grundlage hierfür besteht bereits. Der Bundesrat hat die Kompetenz, ein entsprechendes internationales Abkommen abzuschliessen.



Autorin

Silvia Zuber
Silvia Zuber

Senior Communication Manager

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