Jede Kilowattstunde erneuerbare Energie zählt

Autorin: Silvia Zuber

Die Stromproduktion unterliegt einem fundamentalen Wandel. Die Schweiz steht bezüglich erneuerbarer Energien gut da. Es braucht jedoch einen schnelleren Ausbau der Produktions- und Speicherkapazitäten.


Wir konsumieren Strom, ohne uns Gedanken zu machen, woher er kommt. Wie sieht der Produktionsmix derzeit aus?
In der Schweiz haben wir den grossen Vorteil, dass unsere Stromproduktion praktisch CO₂-frei ist. Der Produktionsmix setzt sich zu ca. 60% aus erneuerbaren Energien zusammen. Dabei macht die Wasserkraft den weitaus grössten Anteil aus, während die anderen erneuerbaren Energiequellen immer noch einen geringen Teil ausmachen. Der Rest des Produktionsmix basiert auf der Kernkraft und auf wenig fossiler Energie.

In der letzten Zeit wurde viel über Stromknappheit berichtet. Wie steht es um unsere Versorgungssicherheit?
Das Licht wird uns heute und morgen nicht ausgehen. Es gibt vielfältige Gründe, weshalb Stromengpässe zukünftig realistischer werden. Zum einen ist da das fehlende Stromabkommen mit der EU, das einen negativen Einfluss auf die Importfähigkeit der Schweiz hat. Zum anderen kommen wir mit dem Ausbau der Erneuerbaren immer noch viel zu schleppend voran. Dies alles geschieht vor dem Hintergrund einer zunehmenden Elektrifizierung der Mobilität und der Wärmeaufbereitung in der Schweiz. Das heisst, wir werden aller Effizienzmassnahmen zum Trotz in Zukunft mehr und nicht weniger Strom brauchen.

Ist eine autarke Stromversorgung für die Schweiz denkbar?
Wenn man die Stromversorgung über das ganze Jahr betrachtet, wären wir schon jetzt fähig, uns selbst zu versorgen. Nur sind Stromproduktion und -verbrauch nicht gleichmässig verteilt: Im Sommer exportieren wir, im Winter sind wir abhängig vom Import – dann ist keine Autarkie möglich. Wichtig ist, die Massnahmen zur Stärkung der Versorgungssicherheit auf den Winter zu fokussieren. Wir müssen unsere Abhängigkeit vom Importstrom verringern und eine Stromreserve von zwei bis drei Wochen in unseren Speichern haben.

Wichtig ist, die Massnahmen zur Stärkung der Versorgungssicherheit auf den Winter zu fokussieren.

Michael Frank, Direktor des Verbands Schweizer Elektrizitätsunternehmen (VSE)

Die Versorgungszukunft könnte in einer Mischung aus Eigenversorgung und intelligenter Vernetzung mit Europa liegen. Wie muss man sich diesen Spagat vorstellen?
Im Sinne von: Jede Kilowattstunde erneuerbarer Energie zählt. Das heisst, dass es zentral ist, dass wir einen möglichst hohen Anteil erneuerbarer Energie aus inländischer Produktion erreichen. Aber auch dann sind wir auf den Austausch mit Europa angewiesen. Dieser sollte möglichst effizient und barrierefrei sein, sodass wir, und insbesondere Swissgrid, auf Augenhöhe mit den europäischen Partnern verkehren können. Ziel muss ein aktiver Modus in Form eines bilateralen Stromabkommens sein und nicht ein blinder und reaktiver Modus, wie er momentan vorherrscht.

Was denken Sie, woher wird der Strom künftig kommen?
Die vordergründige Antwort lautet: aus der Steckdose. Doch es gilt nun endlich, genauer hinter die Steckdose zu schauen. Dort verändert sich die Stromwelt substanziell. Wir wissen, dass wir in absehbarer Zeit die inländischen Kernkraftwerke abstellen werden und mit zusätzlicher erneuerbarer Energie möglichst rasch kompensieren müssen. Die Energieeffizienz – im Sinne von Nichtproduktion und -konsumation – wird ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, um den erhöhten Bedarf zu dämpfen. Um die Netze stabil zu halten, werden flexible Energiespeicher, von der Batterie bis zu den Stauseen, weiter an Bedeutung gewinnen.

Braucht es eine Anpassung der Stromnetze?
Die Stromnetze, ob Verteil- oder Übertragungsnetze, sind nicht für die dezentrale Produktion konzipiert. Diese bringt mehr Belastung und Volatilität mit sich und muss in verschiedene Richtungen funktionieren. Deshalb braucht es Investitionen in den Umbau und, wo nötig, auch Ausbau. Das Netz muss intelligenter werden, da die Dezentralisierung rasch zunimmt mit einer Vielzahl an volatilen Kleinanlagen, an Akteuren auf der Produzenten- und auf der Konsumentenseite.

Sie erwähnen intelligente Netze. Wie verändert die Digitalisierung die Strombranche?
Ohne die Digitalisierung wäre es nicht möglich, Netze effizient zu betreiben und intelligent zu steuern, sodass zum Beispiel umgehend signalisiert wird, wenn Knappheit oder Überfluss herrscht. Darüber hinaus ermöglicht die Digitalisierung auch neue Geschäftsbereiche für die Strombranche, wie im Gebäudebereich, wohin sich die Produktion, der Konsum und das Netz zusehends verlagern. Die Digitalisierung bewirkt eine Demokratisierung der Stromproduktion. Diese ist nicht mehr ausschliesslich den grossen Playern vorbehalten.

Heisst das, dass jeder zum Produzenten werden kann?
Ja, dem ist so – vom Consumer zum Prosumer. Und dies hätte Vorteile. Die damit verbundene Dezentralisierung der Stromproduktion führt zu einem wachsenden Strommarkt. Dies ist eine komfortable Ausgangslage, denn der Kuchen wird zusehends grösser. Gleichzeitig sind wir aber klar auf die dezentrale Stromproduktion angewiesen, weil so in der Menge mehr Strom produziert wird und das System stabilisiert werden kann. Im Endeffekt profitieren wir alle von der Dezentralisierung, ob Klein- oder Grossproduzent.

Mit Blick auf die «Energiezukunft»: Wo liegen die grössten Herausforderungen für die Stromproduzenten?
Die Branche setzt alles daran, die Versorgungssicherheit zu erfüllen. Sie investiert in alle realisierbaren Projekte, um den Ausbau der Erneuerbaren im Inland voranzutreiben. Doch eine gleichberechtigte Güterabwägung, wie sie das Energiegesetz vorschreiben würde, findet in der Realität nicht statt: Fast jedes Vorhaben wird aus Partikularinteressen blockiert und scheitert an Verfahren und Einsprüchen. Unattraktive Rahmenbedingungen und tiefe Strompreise waren in der Vergangenheit eine toxische Kombination. Niemand investiert in ein Projekt, das 20 Jahre Bewilligungsverfahren durchlaufen muss und nicht rentabel ist. Es braucht mehr Planungssicherheit und schnellere Verfahren. Sonst wird es nicht reichen, den zukünftigen zusätzlichen Strombedarf zu decken.

Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien wird die Stromspeicherung zentral. Wo steht die Schweiz diesbezüglich?
Die Stromspeicherung ist eines der zentralsten Themen in der ganzen Diskussion: nicht nur für die Stabilität der Netze, sondern auch für die Versorgungssicherheit. Wie bringt man den Stromüberfluss vom Sommer in den Winter, die Zeit der Stromknappheit? Ist dieses Problem gelöst, können wir auch alle anderen Probleme lösen. Je besser die Speichermöglichkeiten, desto einfacher können wir unsere Energiestrategie und die Dekarbonisierung voranbringen.

Die Stromspeicherung ist eines der zentralsten Themen in der ganzen Diskussion. Ist dieses Problem gelöst, können wir auch alle anderen Probleme lösen.


Autorin

Silvia Zuber
Silvia Zuber

Senior Communication Manager

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