Übersicht
Seit dem 11. November 2022 fliesst Strom über die ausgebaute Höchstspannungsleitung zwischen Pradella und La Punt. Damit wird ein Engpass im Schweizer Übertragungsnetz beseitigt. Die Leitung Pradella – La Punt ist wichtig für die Versorgungssicherheit des Kantons Graubünden und der ganzen Schweiz. Als Ersatzmassnahme des Projekts sind 1100 Verteilnetzmasten im Engadin demontiert worden.
Projekt
Normalerweise trägt ein Mast auf beiden Seiten je eine Leitung. Zwischen La Punt und Zernez sind die Strommasten vor dem Projekt jedoch nur auf einer Seite mit einer Leitung belegt gewesen. Grund dafür ist, dass zum Zeitpunkt des Baus der Leitung in den 60er-Jahren der Transportbedarf geringer war als heute. Nun ergänzte Swissgrid das 50 km lange Trassee zwischen Pradella und La Punt durchgehend mit einer zweiten 380-kV-Leitung. Heute tragen die Masten somit auf beiden Seiten jeweils eine Leitung. Das hat positive Auswirkungen auf die Emissionen: Die Leitung kann nun so betrieben werden, dass sich die elektrischen und magnetischen Felder der zwei Leitungen teilweise aufheben und die Emissionen insgesamt geringer sind als vorher.
Rückbau von 1100 Masten dank Erdverkabelung der 110-kV-Leitung
Als Ersatzmassnahme für das Netzprojekt Pradella – La Punt ersetzten die Engadiner Kraftwerke (EKW) die 60-kV-Freileitung zwischen Pradella und Bever durch eine erdverkabelte 110-kV-Leitung. Die Energie aus dem Kraftwerk Ova Spin wird neu über diese unterirdische Leitung abgeführt. Der erste Abschnitt zwischen Pradella und Zernez wurde im Sommer 2019 in Betrieb genommen. Der zweite Abschnitt zwischen Zernez und Bever wurde Ende 2019 fertiggestellt. Der Rückbau von 1100 Masten entlastet das Landschaftsbild deutlich. Das Projekt ermöglichte zudem die Verkabelung der 16-kV-Leitung und den Anschluss der Gemeinden ans Breitbandinternet.
Vergleich mit einer Kabelvariante
Das Projekt wurde auf der gesamten Strecke und auf 4 Teilabschnitten mit einer neuen 380-kV-Kabelleitung verglichen. Der Vergleich wurde im Sinne des Bewertungsschemas für Übertragungsleitungen des Bundesamtes für Energie (BFE) ausgeführt. Der Vergleich zeigte auf, dass die Mehrkosten für eine Voll- oder Teilverkabelung unverhältnismässig hoch wären und nur eine teilweise Entlastung des Landschaftsbildes zur Folge hätten.
Projektgeschichte
Das Projekt Pradella – La Punt wurde in den 1990er Jahren mit einem Vorverfahren der Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) gestartet. Im Januar 2000 wurden die Projektierungsarbeiten aufgrund der bevorstehenden Marktöffnung, der Verzögerungen bei grenzüberschreitenden Leitungsbauvorhaben sowie den Forderungen aus dem UVP-Vorverfahren sistiert.
Im 2007 wurden die Projektarbeiten mit der Ausarbeitung des Detailprojektes und des Berichtes über die Umweltauswirkungen wieder aufgenommen. Ein Jahr später wurde auf Verlangen der zuständigen Genehmigungsbehörde, dem Bundesamt für Energie (BFE), anhand des Sachplans Übertragungsleitungen (SÜL) der sogenannte SÜL-Check durchgeführt. Im Dezember 2008 verfügte das BFE, dass auf Grundlage des durchgeführten SÜL-Checks auf ein SÜL-Verfahren verzichtet werden kann. Hingegen musste eine UVP-Prüfung durchgeführt werden.
Im 2009 und 2010 fand die Überarbeitung der Planvorlage und des Berichtes über die Umweltauswirkungen gemäss Vorgaben des BFE statt. Ende Oktober 2010 wurde der Umweltverträglichkeitsbericht (UVB) an das Eidgenössische Starkstrominspektorat (ESTI) zur Vorprüfung und Genehmigung des Pflichtenheftes eingegeben. Im Februar 2011 fand ein Augenschein mit den kantonalen und eidgenössischen Fachstellen unter Federführung des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) statt. Aufgrund dieser Begehung wurde der UVB überarbeitet.
Im Januar 2012 fanden Informationsveranstaltungen in Zernez statt, in deren Rahmen die Gemeinden, Umweltorganisationen und Öffentlichkeit sowie die Presse informiert wurden. Zwischen April 2012 und November 2013 wurden die Gesuchs-Unterlagen aufgrund des neuen Bewertungsschemas für Übertragungsleitungen des BFE und wegen verschiedener Gerichtsurteile grundlegend überarbeitet. Mit Eingabe der Plandossiers an das ESTI am 9. Dezember 2013 wurde das Plangenehmigungsverfahren (PGV) eingeleitet. Im Mai 2016 hat das ESTI die Bewilligung für den Ausbau der 380-kV-Leitung zwischen Pradella und La Punt erteilt.
Projektfortschritt und Projektplanung
Swissgrid hat die Tiefbauarbeiten von 2017 bis Herbst 2019 ausgeführt. In dieser Zeit wurden an jedem Maststandort die Mastfundamente verstärkt und die Betonsockel saniert. In einem nächsten Schritt wurden die Masten verstärkt oder dort wo notwendig ersetzt. Swissgrid plante die erste Etappe der Bauarbeiten (von Zernez bis La Punt) für das Jahr 2021, die zweite Etappe (von Pradella bis Zernez) folgte 2022. Die neue Leitung ging am 11. November 2022 in Betrieb.
Das Projekt ist damit noch nicht ganz zu Ende. 2023 erhalten die Masten der zweiten Bauetappe zwischen Pradella und Zernez ihr finales grünes Kleid. Bei den Masten zwischen Zernez und La Punt, der ersten Bauetappe, wurde bereits im Sommer 2022 der grüne Schutzanstrich aufgetragen. Nun passen sich die Masten sehr gut ins Landschaftsbild ein und sind weniger sichtbar. Der Mastanstrich dient zudem dem Schutz vor Korrosion.