Die Energiewende verändert das europäische Stromsystem grundlegend. Immer mehr Strom stammt aus Photovoltaik und Windenergie. Diese produzieren nicht konstant, sondern abhängig von Wetter und Tageszeit. Gleichzeitig wächst der Strombedarf durch die Digitalisierung, Rechenzentren, Elektromobilität und Wärmepumpen.
Für die Übertragungsnetzbetreiber entsteht dadurch eine neue Realität: Die Stromflüsse werden dynamischer und zunehmend grenzüberschreitend. Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien in ganz Europa entstehen teilweise sehr hohe Stromflüsse, die heute über weite Distanzen transportiert werden.
Die Höchstspannungsleitungen bilden dabei die Stromautobahnen Europas. Über sie werden grosse Energiemengen innerhalb der Schweiz und über die Landesgrenzen hinweg transportiert. Anders als im Strassenverkehr können die Übertragungsnetzbetreiber allerdings keine Verkehrsschilder aufstellen, um Staus (oder wie es dann heisst «Engpässe») im Stromnetz zu vermeiden. Denn der Strom folgt den Gesetzen der Physik und nimmt immer den Weg des geringsten Widerstands. Das ist allerdings nicht immer der Weg, der aus Sicht des Netzbetriebs am günstigsten wäre.
Trotz dieser Veränderungen bleibt die Aufgabe von Swissgrid dieselbe: Das Übertragungsnetz muss jederzeit sicher, stabil und effizient betrieben werden. Damit das gelingt, braucht es neben neuen Leitungen auch innovative Technologien, die helfen, bestehende Netze besser auszunutzen und Energieflüsse gezielt zu steuern.
Genau hier setzt eine neue Anlage an, die Swissgrid erstmals im Schweizer Übertragungsnetz einsetzt. Der neue Static Synchronous Series Compensator (SSSC) im Unterwerk Innertkirchen unterstützt Swissgrid dabei, die Stromflüsse im Netz flexibler zu lenken und die vorhandene Netzinfrastruktur noch effizienter auszunutzen. Also doch ein Verkehrsschild für die Stromautobahn?
Damit der Strom in Innertkirchen den richtigen Weg nimmt
Während der Sommermonate treffen hier in Innertkirchen mehrere Faktoren zusammen: Einerseits führt die hohe Photovoltaikproduktion in Europa zu erhöhten internationalen Stromflüssen auf der Nord-Süd-Achse. Andererseits produzieren die Speicherseen in den Kantonen Bern und Wallis in dieser Jahreszeit grosse Mengen erneuerbarer Energie aus Wasserkraft.
Bei so hohen Stromflüssen kann die 220-kV-Leitung Innertkirchen – Mettlen an ihre Kapazitätsgrenzen stossen. Mit dem Einsatz des SSSC kann Swissgrid die Stromflüsse auf diesen Leitungen gezielter beeinflussen. Der SSSC erhöht die Impedanz (elektrischer Widerstand) auf der stark belasteten Leitung Innertkirchen – Mettlen. Dadurch wird ein Teil des Stroms auf die weniger belastete Leitung Innertkirchen – Bickigen umgeleitet. Die Stromflüsse verteilen sich gleichmässiger auf das bestehende Netz. Das schafft zusätzliche Kapazitäten sowohl für den internationalen Energieaustausch als auch für den Abtransport der erneuerbaren Wasserkraft aus dem Berner Oberland und dem Wallis.
Der neue SSSC in Innertkirchen soll pro Jahr nur in einem eingeschränkten Zeitraum eingesetzt werden. Gerade dieser Punkt zeigt jedoch seinen Wert. Die Anlage kommt genau dann zum Einsatz, wenn das Netz besonders gefordert ist. Dadurch können kostenintensive Redispatch-Massnahmen reduziert werden. Redispatch bedeutet, dass Kraftwerke gezielt hoch- oder heruntergefahren werden müssen, damit einzelne Netzelemente nicht überlastet werden.
Ein starkes Netz braucht mehr als neue Technologie
Der neue SSSC in Innertkirchen steht stellvertretend für eine neue Generation von Betriebsmitteln, die Stromflüsse schneller und präziser steuern können als viele konventionelle Anlagen. Solche Technologien ergänzen bestehende Lösungen wie Phasenschiebertransformatoren und helfen mit, das Netz flexibel an die Anforderungen der Energiewende anzupassen.
Technologische Innovationen allein reichen jedoch nicht aus. Die Energiewende braucht auch ein leistungsfähiges Übertragungsnetz. Viele Leitungen wurden für ein Energiesystem gebaut, das sich stark von den heutigen Anforderungen unterscheidet. Der Wandel des Energiesystems und der Netzausbau müssen deshalb Hand in Hand erfolgen. Damit die Stromnetze nicht zum Nadelöhr der Energiewende werden, braucht es schnellere Bewilligungsverfahren. Hier setzt der Netzexpress an, der dazu beitragen soll, wichtige Netzprojekte rascher umzusetzen.
Gleichzeitig endet Netzstabilität nicht an der Landesgrenze. Das Schweizer Übertragungsnetz ist ein integraler Bestandteil des europäischen Verbundnetzes. Stromflüsse richten sich nicht nach politischen Grenzen, sondern nach den physikalischen Gegebenheiten des gesamten europäischen Stromsystems. Eine enge Zusammenarbeit mit den europäischen Übertragungsnetzbetreibern ist deshalb entscheidend für einen sicheren und effizienten Netzbetrieb. Das Stromabkommen erleichtert die gemeinsame Planung und Koordination der Stromflüsse und stärkt damit die Versorgungssicherheit.
Damit steht der SSSC sinnbildlich für die Zukunft des Stromnetzes: Nicht nur mehr Infrastruktur, sondern auch mehr Intelligenz im Netz. So sorgt Swissgrid dafür, dass das Schweizer Übertragungsnetz auch in Zukunft zu den sichersten und zuverlässigsten der Welt gehört.