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Wenn der Verkehr zum Stillstand kommt, muss der Strom weiterfliessen

Sommer: Stau am Gotthard, kein Stau bei der Energieversorgung

Autor: Gabriele Crivelli


Es gehört mittlerweile zu unseren Sommern dazu: Verkehrsberichte, die kilometerlange Staus auf der Autobahn zwischen der Schweiz und Italien ankündigen, immer längere Wartezeiten und stark belastete Verkehrsverbindungen. Wenn eine wichtige Transportachse an ihre Grenzen stösst, sind die Folgen sofort sichtbar.

Das Stromnetz kann Engpässe hingegen nur in begrenztem Umfang tolerieren. Wenn die Belastung zu hoch wird, schaltet sich das Netz automatisch ab. Energie muss jederzeit sicher, zuverlässig und abgestimmt fliessen können, auch über Landesgrenzen hinweg. Aus diesem Grund ist der Stromaustausch zwischen der Schweiz und ihren Nachbarländern zentral für die Versorgungssicherheit.

Es gibt 41 grenzüberschreitende Leitungen, die das Übertragungsnetz der Schweiz mit denen der Nachbarländer verbinden, wie hier in der Nähe von Indemini (TI) und Maccagno in Italien.
1/3: Es gibt 41 grenzüberschreitende Leitungen, die das Übertragungsnetz der Schweiz mit denen der Nachbarländer verbinden, wie hier in der Nähe von Indemini (TI) und Maccagno in Italien.
Die Leitung Lavorgo–Musignano überquert die Grenze zwischen der Schweiz und Italien westlich des Monte Tamaro. Der Übergang von einem Land zum anderen zeigt sich in diesem Fall auch in der Landschaft, da die Strommasten anders aussehen.
2/3: Die Leitung Lavorgo–Musignano überquert die Grenze zwischen der Schweiz und Italien westlich des Monte Tamaro. Der Übergang von einem Land zum anderen zeigt sich in diesem Fall auch in der Landschaft, da die Strommasten anders aussehen.
Die Leitung Lavorgo–Musignano überquert die Grenze zwischen der Schweiz und Italien westlich des Monte Tamaro. Der Übergang von einem Land zum anderen zeigt sich in diesem Fall auch in der Landschaft, da die Strommasten anders aussehen.
3/3: Die Leitung Lavorgo–Musignano überquert die Grenze zwischen der Schweiz und Italien westlich des Monte Tamaro. Der Übergang von einem Land zum anderen zeigt sich in diesem Fall auch in der Landschaft, da die Strommasten anders aussehen.

Ohne Energieaustausch geht nichts

Das europäische Stromnetz funktioniert als Verbundnetz. Jeden Tag wird Strom zwischen verschiedenen Ländern ausgetauscht, um die Unterschiede zwischen Produktion und Verbrauch auszugleichen und jederzeit die Versorgung von Haushalten, Unternehmen und Anlagen sicherzustellen.

Italien ist traditionell einer der grössten Nettoimporteure von Strom in Europa und hängt von Importen aus den Nachbarländern ab, doch auch die Schweiz profitiert von diesem Austausch. Im Sommer, wenn die Stromerzeugung aus Wasserkraft und Photovoltaik hoch ist, kann die Schweiz Strom ins Ausland exportieren. Im Winter kehrt sich die Situation hingegen tendenziell um: Die inländische Produktion geht zurück, und die Schweiz ist auf Importe angewiesen, um einen Teil ihres Bedarfs zu decken.

Der internationale Energieaustausch ist somit kein einseitiger Vorteil, sondern eine gegenseitige Notwendigkeit. Er trägt zur Versorgungssicherheit aller beteiligten Länder bei und macht das Stromnetz flexibler und widerstandsfähiger.

Die Masten des italienischen Netzbetreibers Terna verbinden das Unterwerk Musignano mit dem Swissgrid Netz
Die Masten des italienischen Netzbetreibers Terna verbinden das Unterwerk Musignano mit dem Netz von Swissgrid.

Was braucht es, damit Energie fliessen kann?

Damit Strom effizient und sicher über die Grenzen hinweg fliessen kann, braucht es moderne und gut gewartete Anlagen, einen zuverlässigen Netzbetrieb und angemessene Rahmenbedingungen. Leitungen mit ausreichender Kapazität, eine koordinierte Steuerung in Echtzeit und länderübergreifend vereinbarte Regeln sind unverzichtbar, da Energie und Strommarkt nicht an den Landesgrenzen Halt machen.

Swissgrid spielt eine zentrale Rolle beim Betrieb und beim Ausbau des Übertragungsnetzes. Über die nationalen Netzleitstellen überwacht Swissgrid das Netz rund um die Uhr, um jederzeit das Gleichgewicht zwischen Produktion und Verbrauch sowie einen sicheren und stabilen Betrieb zu gewährleisten. Gleichzeitig investiert das Unternehmen in die Erneuerung und den Ausbau der Anlagen, damit diese den Anforderungen eines sich ständig weiterentwickelnden Energiesystems gerecht werden.

Die Modernisierungsarbeiten an den Stromnetzen können spektakuläre Bilder liefern – wie in diesem Fall, mit dem Lago Maggiore als Kulisse.
Die Modernisierungsarbeiten an den Stromnetzen können spektakuläre Bilder liefern – wie in diesem Fall, mit dem Lago Maggiore als Kulisse.

Lavorgo–Musignano – Arbeiten für ein zuverlässiges Netz notwendig

Ein konkretes Beispiel sind die Sanierungsarbeiten an der Höchstspannungsleitung zwischen Lavorgo und Musignano, einer der strategisch wichtigen Verbindungen zwischen der Schweiz und Italien. Im vergangenen Juni wurden die Isolatoren an 25 Masten sowie die Abstandhalter an 24 Spannfeldern ausgetauscht; ausserdem wurden 50 Masten mit einer speziellen Rostschutzfarbe vor Korrosion geschützt. An den Arbeiten, die etwa drei Jahre im Voraus koordiniert und geplant wurden, waren bis zu 65 Bauarbeitende auf der Baustelle, vier ausführende Firmen, ein auf Kontrollen spezialisiertes Unternehmen sowie zwei Ingenieurbüros für die fachliche und umwelttechnische Planung beteiligt. Die Arbeiten fanden sowohl in der Ebene als auch in den Bergen statt, von einer Mindesthöhe von 200 m ü. M. bis zu den 1300 m ü. M. des Masts Nr. 1990x169. Im Rahmen dieser Arbeiten wurden rund 18 000 m² Fläche gereinigt und gestrichen sowie 170 Keramikisolatoren durch Silikonisolatoren ersetzt.

Silikonisolator, dessen Hauptzweck darin besteht, den Stromfluss zur Metallanlage und zum Boden zu unterbinden und so potenziell gefährliche Stromverluste zu verhindern. Ausserdem tragen sie die Leiterseile, durch die der Strom fliesst.
Silikonisolator, dessen Hauptzweck darin besteht, den Stromfluss zur Metallanlage und zum Boden zu unterbinden und so potenziell gefährliche Stromverluste zu verhindern. Ausserdem tragen sie die Leiterseile, durch die der Strom fliesst.

Baumassnahmen an einer internationalen Leitung von dieser Bedeutung müssen sorgfältig vorbereitet werden. Die Arbeiten müssen in enger Zusammenarbeit mit den Netzbetreibern der Nachbarländer geplant werden, wobei die grenzüberschreitenden Stromflüsse zu berücksichtigen sind und die Sicherheit des Stromnetzes jederzeit gewährleistet sein muss.

Auch die Organisation des Baubetriebs ist komplex. Man muss die richtigen Zeitfenster finden, zahlreiche Akteure koordinieren und die Auswirkungen auf den Netzbetrieb auf ein Minimum beschränken. Aus diesem Grund werden Wartungs- und Erneuerungsarbeiten lange im Voraus geplant und in diesem Fall zwischen den Betreibern der nationalen Netze der beteiligten Länder koordiniert. Die Tatsache, dass sich Stromleitungen oft in grosser Höhe befinden, kommt als weitere Herausforderung hinzu. Diese Bauarbeiten sind für die breite Öffentlichkeit oft kaum sichtbar, aber gleichzeitig unerlässlich, damit der Strom weiterhin zuverlässig fliesst.

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Rahmenbedingungen für die Zukunft

Moderne Anlagen und ein vorausschauender Netzbetrieb sind unverzichtbare Voraussetzungen. Für sich allein reichen sie jedoch nicht aus, um langfristig einen effizienten und sicheren Stromaustausch mit den Nachbarländern zu gewährleisten.

Zudem bedarf es eines stabilen Regelwerks sowie einer institutionellen Kooperation mit den Nachbarländern und der Europäischen Union. Nur so kann die Schweiz weiterhin wirksam am europäischen Stromnetz teilnehmen und zur regionalen Versorgungssicherheit beitragen. In diesem Sinne ist ein Abkommen mit der Europäischen Union unerlässlich.

In einem zunehmend zusammengeschalteten Stromnetz muss die Energie ungehindert auf ihren wichtigsten «Verkehrsachsen» fliessen können. Denn im Gegensatz zum Verkehr am Gotthard können wir es uns beim Strom nicht leisten, dass es zu Staus kommt.


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Die Schweiz braucht das Stromabkommen


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